Brasilien Spezial – Teil 2

(Marcello) Samstagmorgen 6:00 Uhr in Brasilien: Der Wecker klingelt, Kaffeewasser wird aufgesetzt und die Dusche betreten. Die Sonne, die schon mehr als eine Stunde knallt, erhellt unsere Küche und mein Badezimmer und bald ist auch schon der erste Kaffee getrunken. Nachdem die Sachen gepackt sind und das Frühstück verschlungen, werden wir um 7 schon abgeholt. Dieses Mal geht es aber weiter als das Frasqueirão, nämlich um in einem Condominio (umzäunter Bereich, in dem Eigentumshäuser stehen und zum Teil auch Pools, Fußballplätze und kleine Läden integriert sind) Fußball zu spielen. Kommentare wie „Spielscht ned mo bei de Zwett?“ gibt es in Brasilien kaum, denn sich dort in Condominios zu treffen, in welchem zufällig Onkel oder Schwager wohnt, ist dort Gang und Gäbe. Das passt für mich persönlich nahtlos in die brasilianische Kultur, denn Ungezwungenheit und Lockerheit gehören zu dieser unweigerlich dazu. Schön!

An dem besagten Samstagmorgen ging es um 8:30 Uhr bei schlappen 28 Grad los und schon nach dem ersten Spiel umringt von Brasilianern, Argentiniern und Chilenen war ich völlig kaputt, durchgeschwitzt und fertig mit der Welt. An diesem Tag lernte ich Binho kennen (siehe UdH-Bericht Ingolstadt), mit dem ich mich lange über den deutschen und brasilianischen Fußball unterhalten konnte. Ich habe den Eindruck gewinnen können, dass unser Verein in Brasilien über große Bekanntheit verfügt, was angesichts der aktuellen sportlichen Situation und der medialen Omnipräsenz des FC „Bayern de Munique“, welche der deutschen in nichts nach steht, durchaus positiv ist. Auch die Assoziation zum legendären Barcelona-Spiel habe ich an diesem Tag zu hören bekommen.

Dieses Erlebnis war jetzt aber nur exemplarisch, denn egal wo, es wird immer zumindest nur ein bisschen über Fußball geredet, unabhängig davon, ob man jetzt beim Friseur, in der Bar, am Strand, im Supermarkt oder sonst wo ist, ein paar Worte über Fußball werden immer verloren. Ziemlich jede unzweckmäßige Konversation in Brasilien ist damit verbunden und angesichts der Präsenz des Fußballs im alltäglichen Leben zusammen mit der WM 2014 dort, sehe ich hier eher noch Potential für eine Zunahme. In Brasilien fallen nämlich Sportarten wie Handball fast raus (gibt es zwar, aber kann mich nicht daran erinnern, jemanden getroffen zu haben, der Handball spielt) und logischerweise auch alles an Wintersportarten.

Außerdem erfreuen sich auch abgewandelte Fußballvarianten wirklich hoher Beliebtheit. Hierzu zählen vor allem Futsal und Footvolley (Mischung aus Volleyball und Fußball, ziemlich abgedreht!). Ich kann mich nicht wissentlich daran erinnern, mich über eine andere Ballsportart als Fußball unterhalten zu haben. Die starke politische (z.B. Sportministerium) und gesellschaftliche Verwurzelung hat zur Folge, dass die Torcidas, also die Fans in Brasilien, sehr nahe an ihren Vereinen und der Seleção sind und dementsprechend häufig Fußball zu einem politischen Diskussionsgegenstand wird. Dies spiegelt sich auch in den Protesten gegen und wegen der WM 2014 wider, die ich selbst miterleben konnte.

Die Proteste in Natal nahmen ihren Höhepunkt am 20. Juni letzten Jahres. Ich bin froh, dass ich euch darüber mehr erzählen kann, denn die deutsche Berichterstattung der Ereignisse habe ich als unvollständig beziehungsweise halbherzig aufgefasst. Hierzu aber später mehr! Denn um ein Gesamtverständnis für die dortige Situation zu bekommen, ist es zunächst erforderlich, ein wenig auszuholen (wofür dieses Medium ja auch gedacht ist):

Als ich Anfang April letzten Jahres in Brasilien ankam, habe ich für einen Euro etwas mehr als 2,50 Reais (R$) bekommen. Im Mai dann knapp 3,00 Reais und Ende Juni dann sogar 3,20 Reais. Also eine Inflation von etwa 20% in gerade einmal drei Monaten. Was für mich dort eine nette Sache war, da ich einfach so mehr Geld hatte, war für die Leute dort besonders bitter. In Brasilien sind die Lebensunterhaltungskosten niedriger als bei uns, dafür verfügt Deutschland aber über ein Lohnniveau, von welchem die meisten Brasilianer träumen. Zwei Drittel der brasilianischen Lohnempfänger müssen mit 460 Euro im Monat auskommen, etwa ein Viertel mit der Hälfte. Im Jahr 2007 betrug 1% des Gesamteinkommens der wohlhabenden Bevölkerung etwa 50% des Gesamteinkommens der bedürftigen Bevölkerung. Das alles geschieht in einem Land, welches seit Jahrzehnten von Korruption geplagt ist und zu guter Letzt werden bundesweit die Buspreise um 20 Centavos (0,20R$) erhöht. Was für uns wie ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, bringt dort Menschen ernsthaft in existenzielle Probleme.

Angesichts dessen habe ich es selbst als Ausländer in Brasilien als absolute Frechheit empfunden, dass dort eine WM durchgeführt werden soll. Ich habe mich mit vielen Menschen unterhalten und alle waren sich ziemlich einig: Wir nehmen jetzt die WM, aber eigentlich sind wir gar nicht bereit dafür.

Polemisch ausgedrückt werden dicke, moderne WM-Arenen irgendwo hingestellt, wo außen rum bestenfalls ein paar einfache Mietplatten stehen. Angesichts der sozialen Situation in Brasilien, wo nur ca. 15% des Haushalts in das Gesundheitssystem fließen, ist es in den Augen vieler Brasilianer (und auch in meinen Augen) ein Absurdum, dass ein solch kostenintensives Projekt in ihrem Land stattfindet. 6,3 Milliarden der 10,5 Milliarden Euro Kosten werden durch das Land Brasilien übernommen. Viele Menschen wünschen sich, das Geld wäre anderweitig investiert worden.

Auch diese riesige Investition in die WM und die entsprechende Infrastruktur hierfür war ein Grund dafür, dass es im Juni letzten Jahres endgültig gereicht hat. Gepaart mit Korruption, großer sozialer Schere, Inflation und eben der sagenumwobenen Buspreiserhöhung. Diese wurde in den deutschen Medien fälschlicherweise als alleiniger Auslöser für die Proteste in Brasilien dargestellt. Viel mehr war dies der klassische Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Das „Überlaufen“ äußerte sich in landesweiten Protesten am 20. Juni 2013, bei denen überall im ganzen Land geschätzt zwei Millionen Menschen protestierten. Der Lehrer meiner Sprachschule gab uns im Unterricht eine Woche vorher Bescheid, er würde uns gerne zu den Protesten mitnehmen, an diesem Tag würde ab 16 Uhr innerhalb der Stadt sowieso nichts mehr passieren – Also gut, abholen lassen und dann ganz in der Nähe unserer damaligen Schule geparkt. Über die „Stadtautobahn“ von Natal, die gesperrt war, setzte sich ein Mob mit über 40.000 Menschen in Bewegung und immer mehr kamen hinzu. brasilienspezial3

Alles Mögliche kam zur Forderung an diesem Abend, was mittels kleiner Plakate gezeigt wurde – Ende der Korruption, mehr Rechte für Homosexuelle, bessere Bildung und Krankenhäuser. Wie bereits gesagt: Die Buspreiserhöhung war hier definitiv kein Thema, welches im Mittelpunkt gewesen wäre, sond  ern vielmehr ein Teil des Ganzen. Der Zug zog sich unter Samba-Klängen zur größten Mall der Stadt, aber vielmehr als Partymob. Das Klima bei der Demonstration war äußerst friedlich, es wurde einfach nur darauf gesetzt, möglichst viele Menschen zu mobilisieren. Dies gelang den Menschen in Natal ausgesprochen gut! Graffitisprüher wurden ausgebuht und „keine Gewalt“ und „kein Vandalismus“ skandiert – die Demonstration sollte zu jedem Zeitpunkt friedfertig bleiben. Das war auch der Fall, als es inmitten aller Menschen eine kurze Rennerei gab, die sich im Endeffekt als unbegründet darstellte – Gruppendynamik. Die Menschen waren aber wie gesagt sehr friedlich aufgelegt – vom Fenster wurde sich gegenseitig zu gewinkt und auch das hektische Benutzen des Lichtschalters wurde mit Applaus und Jubel bedacht.

Auf Anhöhen ließ sich erahnen, wie viele Menschen hier eigentlich unterwegs sind – sowas habe ich noch nie erlebt! Ein scheinbar unendlicher Strom von Menschen, der kilometerlang durch die Stadt zog – kein Bild würde irgendwie auch nur ansatzweise den Großteil derer zeigen, die an diesem Tag auf die Straße gingen.

Allerdings gab es auch einige Menschen, die an der Mall ausrasteten und diese mit Steinen und Betonplatten bewarfen. Was ich aus der Entfernung nur erahnen konnte, sah im Fernsehen relativ hart aus: die Glasfassade der Mall hat gelitten und eine zuvor anscheinend vorsorglich positionierte Polizeieinheit knallte die eindringenden Demonstranten aus der Mall. Straßensperren und Molotowcocktails gab es auch zu sehen, waren aber anscheinend die Ausnahme.

brasilienspezial4Für mich persönlich war es äußerst beeindruckend, so viele Menschen auf einem Fleck zu sehen, die alle mit demselben Anliegen auf die Straße gehen. Menschen jeden Alters, Größe, Geschlechts, politischer Einstellung, unterschiedlichster Gesellschaftsklassen und völlig anderen Berufen haben für eine Sache eingestanden, nämlich ein besseres Brasilien. Dafür gebührt dem Land tiefster Respekt, denn es wurde mehr als nur Menschen bewegt:

Einen Tag später bereits verkündete Brasiliens Präsidentin Rousseff, dass zukünftig mehr Geld in Bildung und Gesundheit investiert werden solle, was durch Einnahmen aus den Ölverkäufen des Landes gedeckt werden solle. Ebenfalls solle ein Plan zur landesweiten Verbesserung der öffentlichen Nahverkehrssysteme entwickelt werden. Die Buspreiserhöhung wurde letzten Endes auch zurückgenommen.Allerdings verurteilte die Präsidentin Brasiliens auch den gewalttätigen Anteil der Demonstranten, was sie mit der Aussage, Gewalt sei keine Gesprächsgrundlage, untermauerte. Unerwähnt bleiben sollten aber nicht die vielen hundert Verletzten dieses Abends – hauptsächlich durch Gummigeschosse der Polizei.

An diesem Abend wurde im Land mit Sicherheit keine Revolution losgebrochen, aber mit dem Willen des Volkes und hunderten von Städten voller Menschen, die für das selbe Anliegen auf die Straße gingen, wurde die Regierung zum Einlenken gebracht. Im protestfaulen Deutschland undenkbar!

Die Proteste in Brasilien haben für den Confed-Cup auch geringfügige Auswirkungen gehabt: Die Nationalhymne wurde durch die Torcidas der Seleção nach Anpfiff gesungen und nicht zur eingespielten Musik. Für die Gäste aus den verschiedenen anderen Ländern wurde also auch so gezeigt, dass die Menschen unzufrieden sind. Diverse Spieler der Nationalmannschaft solidarisierten sich mit den Protestierenden, was letztlich vom Verband geduldet wurde.

Beim Confed-Cup wurde mir aber auch eine ganz andere Seite gezeigt: Wie der Fußball in Brasilien gelebt wird, ist einfach großartig! Es gab lediglich ein Spiel der Seleção, welches in der heimischen Wohnung angesehen wurde. Jedes Mal war bei einem Spiel der Seleção für mich etwas anderes geboten. In einer Bar gab es pro Tor der Gelben einen Caipi aufs Haus, was schon ziemlich nett war, beim Spiel gegen Japan ging es richtig rund: In der Shock Bar in Natal wurde lecker zu Mittag gegessen, um anschließend bei viel Bier gemütlich das Spiel zu verfolgen. Danach live gespielter Forró, eine feiernde Meute in der Bar und zahlreiche Schönheiten mittendrin. Die Party ging bis lang in die Nacht, aber ohne komische Aufsteckirokesen, Cowboyhüten oder sonstigem Schrott. Die Leute kommen mit Trikot, Chinos und Flip-Flops in die Bar und feiern bis etwa 22-23 Uhr, bis es dann weiter in die Stadt geht. Sehr schön!

Bei einem anderen Spiel wurden wir spontan zum gemeinsamen Anschauen in ein Apartment in Strandnähe eingeladen – Mit Churrasco Service, Liveband und allerlei Flüssignahrung für vielleicht 20 Leute. Es ist schön, wie man dort empfangen wird – alle Menschen waren sehr freundlich zu uns und ungefragt bekamen wir jeweils einen dicken Teller mit Grillfleisch, Salat und einem kühlen Bier dazu gestellt. So lässt es sich definitiv aushalten! Zu späterer Stunde, als die werte Gattin, in die der werte Gatte bestimmt auch schon den ein oder anderen Real investiert hat, auf die Idee kam, singen zu müssen, ging es richtig rund. Alle fingen an zu musizieren und schnell hatten sich diverse Leute gefunden, die verschiedene Instrumente spielen konnten. Spontaner Sambajam nach dem Spiel – Sehr geil! Sich die Spiele gemeinsam in Bars anzuschauen ist in Brasilien also absolut normal, es gehört zu der Fußballkultur genauso wie das Bier.

Obwohl die Menschen allen Grund dazu hatten, das Gegenteil zu tun, wurde die Seleção in ihrem Land unterstützt und die Stadien gefüllt. Der Fußball ist in Brasilien viel zu sehr in die Gesellschaft und das Leben der Menschen integriert, als dass es möglich wäre, sich dagegen zu stellen. Die Menschen, die an ihren Vereinen hängen, unterstützen die Seleção ähnlich enthusiastisch und Brasilien ist für mich vielleicht nicht die Heimat des Fußballs, aber auf jeden Fall Heimat einer großartigen Fußballkultur, an welcher man sich ein Beispiel nehmen kann. Andererseits sind viele Brasilianer der Meinung, ihr Land sei Teil der 2. oder gar 3. Welt und viele Milliarden wurden in die WM investiert, obwohl sich die Bevölkerung nach einem besseren Gesundheitssystem sehnt oder für bessere Bildung ihre Stimme erhebt.

Sepp Blatter, Präsident der FIFA, sieht sich in keiner Schuld, da Brasilien die WM nicht aufgezwungen wurde. Wie so oft, wird sich in diesem Konstrukt die gegenseitige Schuld zu geschoben und keiner möchte die Verantwortung dafür übernehmen, dass die WM letztlich nach Brasilien vergeben wurde.

Letzten Endes ist es schlicht und ergreifend nicht mehr zu ändern, aber ob in Brasilien in diesem Jahr eine WM angebracht ist, darf in Frage gestellt werden. Beispielhaft und für mich symptomatisch ist, dass in Brasilía ein komplett neues WM-Stadion gebaut wird, welches nach dem Turnier nicht weiter genutzt wird. Es gibt dort einfach keine großen Vereine. Die Arena das Dunas in Natal wird zukünftig auch nur sporadisch für die Clasicos genutzt. ABC besitzt bereits ein schönes Stadion, América stellt sein neues in Kürze fertig und der etwas kleinere Verein Alecrim FC kann dank eines Investors auch bald ein eigenes Stadion beziehen. Zur WM kann man also sagen, dass sie fußball-kulturell gesehen auf jeden Fall bestens aufgehoben ist, ob Brasilien sich jedoch diesen „Luxus“ einer WM leisten kann, darf bezweifelt werden – Werden wir sehen, was daraus wird!

In den letzten Zeilen dieses Teils möchte ich noch einmal den Menschen in Brasilien meinen Respekt und Dank aussprechen – Mir wurde beispiellos gezeigt, wie man als Volk ein Ziel erreichen kann – Das ist absolut beeindruckend gewesen!

 

Lest demnächst Teil 3: Garra Alvinegra – „Die Gruppe“ von ABC Natal

Never forget the 96!

15. April 1989, 15:06 Uhr: Das FA-Cup-Halbfinale zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forrest wird nach sechs Minuten Spielzeit abgebrochen, da ein Block mit Fans des FC Liverpool völlig überfüllt ist. 96 Menschen kamen bei der Tragödie im Hillsborough Stadium zu Sheffield ums Leben.

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Zum 25. Jahrestag gedenken weltweit Fußballfans den Opfern. 11Freunde zeigt eine Bildergalerie mit dem Titel „25 Jahre Hillsborough – Die Fußballwelt steht still„.

Das Fußball-Imperium

Krumme Geschäfte im Namen des Fußballs. So könnte man die Dokumentation „Das Fußball – Imperium“ aus der Reihe ZDF-Zoom, die diese Woche ausgestrahlt wurde wohl am besten in einem Satz beschreiben. Anhand verschiedener Recherchen versucht die Doku etwas Licht ins Dunkel der FIFA zu bringen.Dabei geht es neben der allseits bekannten Korruption, vor allem um Phänomene, wie Kolonalherrschaft und moderne Sklaverei. Der Bericht schafft es auf eine interessante Weise, die Methoden der FIFA zu hinterleuchten und zeigt anhand der aktuellen WM-Standorte, wie die FIFA Menschen- und Grundrechte verletzt.

Hier geht es zur Reportage in der ZDF Mediathek!

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Auch in UdH Ausgabe# 98 berichteten wir schon über die FIFA und deren hauseigenen Vorstellung vom Produkt Fußball.

Brasilien Spezial – Teil 1

(Marcello) „Na da leck‘ mich fett!“ – Das war etwa meine Gefühlswelt, als feststand, dass ich mit euch, unserer werten „erweiterten“ Leserschaft des UdH bzw. des Blogs noch mehr von meinen Erlebnissen im für mich schönsten Land auf dieser Erde teilen darf. Zunächst einmal werde ich noch die restlichen drei Spiele, von denen ich immerhin auch deren zwei im Stadion ansehen durfte, etwas aufarbeiten, sofern es sich lohnt. Des Weiteren sind noch zwei weitere Teile fest geplant.

Überraschenderweise wird es um Fußball gehen, mal mehr, mal weniger, mal auf die Gesellschaft bezogen und mal mit ganz besonderen Einblicken, auf die ihr euch freuen könnt! Aber zu viel verraten möchte und werde ich nicht und daher legen wir gleich los mit den drei anderen Partien, die ich besucht habe bzw. wollte. Los geht es mit dem Pokalspiel von ABC gegen Sport Recife:

ABC Futebol Clube – Sport Recife
08.05.2013 / Copa do Brasil (Brasilianischer Pokal) / Estádio Maria Lamas Farache („Frasqueirão“) / ca. 7500 Zuschauer

Zur späten Zeit von 20:00 Uhr machte ich mich mit meinem Mitstreiter aus der Heimat auf den Weg ins wunderwunderschöne Frasqueirão, ich bin wirklich verliebt in das Teil! Dieses MalNatal-Recife waren wir alleine unterwegs und trotz zuvor gegenteiliger Ankündigung meines Mitabiturienten, ließ er sich auch nicht lumpen und machte sich mit mir per Pedes Richtung Stadion auf. Zu Fuß braucht man von unserer Wohnung etwa eine halbe Stunde, läuft (im wahrsten Sinne des Wortes!). Unterwegs wurden mal wieder ein paar Halbstarke von Garra Alvinegra von den Cops gefilzt, irgendwie hasse ich sie ja weltweit muss ich sagen.

Am Stadion angekommen, mussten wir uns dieses Mal selber um die Karten kümmern, angesichts der Terminierung von 22:00 Uhr an einem Mittwochabend war aber klar, dass dies kein Problem darstellen sollte. Der erste Gauner wollte uns für 70 Reais eine Stehkarte andrehen, was umgerechnet ziemlich genau 28€ entspricht. Ja nee is‘ klar, mit den Gringos (Googelt es, wenn euch die Bedeutung interessiert, aber nett ist es nicht) kann man’s ja machen! Der unfreiwillig neu gewonnene Freund haftete dann an uns, wie eine Scheißhausfliege in Topform, allerdings kamen wir dann mehr oder weniger zufällig an die „Kartenschalter“ des Stadions, welche äußerst ungewöhnlich gebaut sind: Der Raum, in dem die Karten verkauft werden, ist nur durch kleine Sichtnischen, welche vergittert sind, einsehbar, diese Nischen sind vielleicht 13×13 cm groß. Hatte was von einem Gefängnis, aber um diese rotzhässliche Einkaufsrechn… ähh Eintrittskarte durchzustecken, reichte es allemal.

Bei noch 45 Minuten Zeit bis zum Anstoß (entspricht gefühlt 2,5 Stunden vor Anpfiff in Deutschland), vertrieben wir uns noch die Zeit damit, uns mit allerlei Gegrilltem zu verköstigen. Ich werde auf jeden Fall vermissen, mir mit Blick aufs Spielfeld gegrillten Käse und Hühnchen für 80 Cent pro Spieß einzuverleiben. Keine Sau würde es jucken, dass ich mir noch von dieser phänomenalen Guarana-Limonade gekauft habe, allerdings ist dies auch mit einer netten Anekdote verbunden: Der etwa 50-jährige Verkäufer machte ganze schöne Augen, als ich als Mensch mit hellen Augen auf Portugiesisch bestellt habe (es wurde!). Nachdem ich ihm dann gedrückt habe, dass ich aus Deutschland bin, konnte dieser gar nicht mehr und haute alle Assoziationen zu Deutschland raus, die in seinem Kopf rumschwirrten. Mein Highlight war auf jeden Fall „Hummänicke“, welcher im Nachhinein als Vereinsmitarbeiter des 79000-fachen Deutschen Meisters Karl-Heinz R. ausgemacht werden konnte. Nett war’s und ich kann nur appellieren: Mehr Churrasco-Stände vor deutschen Stadien! – Auch wenn‘s leider nix wird!

10 Minuten und damit überpünktlich ging es für uns ins schmucke Teil, dieses Mal nahmen wir allerdings sitzend auf der Hintertortribüne im Bereich von Garra Alvinegra Platz. An diesem – Achtung, jetzt kommt’s – warmen und sommerlichen Abend (überraschend, nicht wahr? ) waren etwa 7000-8000 Leute im Stadion, die Tribünen waren schon bedeutend leerer. Kurz vor Spielbeginn begannen dann erste Pöbelgesänge, eigentlich handelt es sich bei diesem Spiel auch um ein Derby, liegt Recife schließlich NUR (und zwar wirklich „nur“) 300 km von Natal entfernt. Was in Deutschland eine Auswärtsfahrt normaler Weite ist, ist für Brasilien eine äußerst geringe Entfernung.

Recife-NatalAufgrund der schwierigen Terminierung (mittwochs 22:00 Uhr, ähhh hallo?!!) waren allerdings nur etwas über 300 Torcidas aus Recife (einer der gefährlichsten Städte Brasiliens) zugegen. Optisch konnten diese mit einer ansprechenden Zaunbeflaggung überzeugen, kurios war, dass die führende Gruppe „Saida3Pte“ sogar zwei Zaunfahnen dabei hatte. Ebenfalls konnte das schöne, gemalte, schlichte, große Banner mit der Aufschrift „Löwen des Nordostens“ überzeugen.

Der Support von Recife war gemessen an der Anzahl der Leute in den ersten 10 Minuten Wahnsinn, wenn die Torcidas von Americá so motiviert gewesen wären, wär‘s ne kranke Nummer geworden.

Zum Sportlichen: Im brasilianischen Pokal ging ABC dieses Mal erneut als Außenseiter in die Begegnung, ist doch Sport Absteiger aus der höchsten brasilianischen Spielklasse. In gewohnt aggressiver Manier spielten die Mannen in Weiß von Anfang an mit technisch ambitionierter Spielweise. Das Spiel konnte an sich gerissen werden und ABC dominierte das Spiel von Beginn an. In der 37. Minute hätte der freistehende Mittelstürmer das 1:0 machen müssen, allerdings war dieser dermaßen überrascht, dass er aus drei Metern vorbei köpfte. Ärgerlich! Mit einem schmeichelhaften 0:0 aus Sicht der Löwen ging es dann in die Kabine.

Während der Halbzeit trafen wir uns dann mit Bruno von Garra Alvinegra. Erfreulicherweise konnte ich bei diesem Gespräch feststellen, dass sich meine portugiesischen Sprachkünste immer weiter verbessern. Andererseits wäre es ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Nach einem relativ belanglosen Gespräch, nach welchem mir mal wieder Gruppenklamotten angedreht wurden (dieses Mal bestand ich darauf, zu bezahlen), ging es schon weiter im Text und das Spiel ging weiter. Die Torcidas um Garra Alvinegra und Camisa12 (Gegengerade), ob der engagierten Leistung der eigenen Mannen sehr motiviert, wenngleich „die Sache mit dem Support“ in Brasilien nicht so eng gesehen wird. Da sitzen auch mal welche abseits vom Supporthaufen rum, rauchen und unterhalten sich über das vergangene Wochenende. Völlig undiszipliniert und ein krasser Gegensatz zu Deutschland, allerdings ist das eben eine andere Mentalität. Die Meute, die gesungen hat, war aber gewohnt motiviert bei der Sache. Um das Liedgut zu entziffern, wird es allerdings noch die eine oder andere Woche dauern.

Ab der 55. Minute war ABC dann drückend überlegen, klasse im Spiel und mit zwingenden Chancen, welche mit einem unbeschreiblichen Pech nicht den Weg ins Tor gefunden haben, als Beispiel sei ein Torschuss aus etwa 18 Metern genannt, der drei Mal auf seinem Weg zu den Maschen abgefälscht wurde und 15 cm am Tor vorbeieierte.. Da hadert man selbst als fast neutraler Zuschauer. Nach einem weiteren Pfostentreffer hatte der Mittelstürmer mit der Nummer 9 jedoch mehr Glück. Durch eine hervorragende Ballstafette im Mittelfeld wurde dieser im Strafraum freigespielt und konnte mit einem brutalen Gewaltschuss aus rechter Position etwa neun Meter vor dem Tor netzen. Der Torjubel konnte sich wieder einmal das Prädikat „atemberaubend“ verdienen, wenn das hier immer so ist, dann feiere ich es!

Als wenn das nicht genug gewesen wäre, schlug es knappe 10 Minuten später noch einmal im Gehäuse der Gäste ein und der Jubel kannte keine Grenzen mehr. Schön anzusehen ist es immer wieder, wie Leute einen etwa 3-4 Meter hohen Maschendrahtzaun erklimmen und oben ihren Emotionen freien Lauf lassen. Fußball pur!

Neben einem Lattentreffer der Gäste nach einem Freistoß (wovon wirklich alle gefährlich waren), gab dieses Spiel nichts Besonderes her. Nach 15-minütiger Blocksperre wurde der Heimweg angetreten und auf diesem konnten einige TGA Nasen gesichtet werden, welche noch irgendwie vergeblich versuchten, an Gäste ran zu kommen. Sei es drum, ab nach Hause und zufrieden ins Bett gefallen! Fußball in Brasilien macht abgesehen vom Eintrittspreis so unglaublich Spaß!

Wer dachte, das wäre aber der Gipfel gewesen, für den kommt jetzt der Kracher: Zehn Tage später kam das nächste Ereignis der Kategorie „Hätte ich mir niemals träumen lassen“: Drei TageRecife-Natal_vorAbfahrt1 vor dem Rückspiel in Recife wurde mir einfach mal so beiläufig ein Busplatz für das Auswärtsspiel dort angeboten. Lange überlegt habe ich nicht, das könnt ihr mir glauben! Also am 22. Mai letzten Jahres gegen 14:30 Uhr mittags einmal mehr den Fußmarsch zum wuuuuuuunderschönen Frasqueirão angetreten, wo sich die beschauliche Meute von 220 Leuten, die sieben Busse füllte, dann sammelte.
Was ich aber zugeben muss und nicht unerwähnt bleiben sollte: Als ich den ersten Fuß auf den Parkplatz setzte, war mir sehr mulmig, ich war beängstigt – Zwar kannte ich nun Bruno wirklich konkret beim Namen und hatte dementsprechend einen Ansprechpartner, aber für mich war es absolut krass, mich darauf einzulassen. Erst einmal habe ich versucht irgendwo Bruno, meinen einzigen Ansprechpartner, zu finden. Dies war nicht der Fall und die Randnotiz via Whatsapp, ich solle mich im Zweifelsfall einfach an Cristiano, den Präsidenten (sehr ausgeprägte Hierarchien) von Garra Alvinegra wenden, stellte sich dann noch später als Treffer heraus. Da stand ich nun in dieser klassischen „all eyes on me“-Situation. Multikultur wie in Europa ist in Brasilien absolut unüblich und wie überall fiel ich dieses Mal ziemlich auf. Kurzzeitig dachte ich dann an Aufgabe, aber durch die bestehenden Kontakte und die Assoziation von mir zu Augusto (siehe Spielbericht in UdH Nr. 86), ging ich die Sache an und eins kann ich vorweg nehmen: Ich habe es nicht bereut, nicht mal ein bisschen!

Bruno ließ sich nur kurz vor Abfahrt blicken, Cristiano wusste aber Bescheid und tatsächlich war ein Busplatz für mich geblockt. Sehr geil! Cristiano wusste mich aber einzuordnen und auf einmal war die anfängliche Skepsis der Meute mir gegenüber wie verflogen und die Zeit bis zur Abfahrt verging wie im Flug. Mein Smartphone mit FY-Bilderordner ging rum und die Leute haben es gefeiert, besonders unseren Auftritt in Mainz. Als die Torcidas realisiert haben, dass ich einfach nur aus Interesse an der Sache mit will, fanden sie die ganze Sache ziemlich „legal“ („cool“). „Um gringo louco“ war ich trotzdem, weil mir mehrfach bereits vor der Abfahrt von mehreren Leuten gesagt wurde, dass es gar nicht soooo unwahrscheinlich sei, dass es knallt. Nun denn. Bus bezahlt, gelabert, nen Caipi getrunken und dann auf die Hauptstraße am Stadion.

Recife-Natal_vorAbfahrt2Jetzt einmal kurz zum Mitdenken: Natal und Recife liegen 297 km auseinander. Mit einem Bus braucht man in Anbetracht der Straßen dort etwa vier Stunden, die „Autobahnen“ dort gehen in Deutschland nämlich bestenfalls als größere Bundesstraße durch. Der Treffpunkt war um 15:00 Uhr, bei einer geplanten Abfahrt eine Stunde später. Wie es in Brasilien nun mal so ist, wird die Pünktlichkeit nicht besonders ernst genommen (hat, wie man sich denken kann, gute und schlechte Seiten), so dass um 17:30 im Eiltempo SIEBEN Busse ans Stadion angeheizt kamen, der eine größer, der andere kleiner, aber 220-230 Leute werden da schon drin gewesen sein. Meine Wenigkeit nahm in einem 20-Sitzer Platz. Wer jetzt etwas in Richtung Reisebus erwartet, muss enttäuscht werden, ganz einfach nur kleine Stadtbüsschen vom Privatunternehmen. Was da drin war, war ein Drehkreuz, Fahrersitz und Sitzbänke. Was bisher nicht von mir erwähnt wurde: Anstoß im Stadion von Recife, was auf Bildern ziemlich genial aussah, war um 21:45 Uhr. Dementsprechend war mir Angst und Bange, den Anstoß zu sehen, aber dazu gleich mehr.

Drinnen im Bus war ich natürlich wieder das Ereignis schlechthin, wieder wurde mir gesagt, dass es heute soooo wahrscheinlich knallt, was von mir aber halt so hingenommen wurde. Die Fahrt war ziemlich geil, die Jungs von TGA schmettern nämlich nahezu durchgehend ihre brutalen Lieder durch den Bus, Wechselgesänge mit anderen Bussen und so weiter… sehr fett!

Nach mehreren Pausen, erreichten wir gegen 22 Uhr die Stadtgrenze von Recife, um dort noch kurz eine Tanke zu entern, wo erstaunlicherweise wirklich wenig geklaut wurde (obwohl die Leute es wesentlich nötiger hätten als wir). Recife rein war wirklich ein sehr krasses und prägendes Erlebnis für mich. Von Natal kommend, geht die Autobahn in einem Tal zwischen zwei riesigen Hügeln in die Stadt, auf welchen komplett Favelas sind, waren bestimmt 10.000 Häuser der übelsten Sorte. In Recife selber staunte ich auch nicht schlecht. Ich will nicht pöbeln, aber das war schlicht und ergreifend die verranzteste, heruntergekommenste, und ungepflegteste Stadt, die ich jemals gesehen hab. Ganz ganz hässliches Loch! Irgendwann wurden wir in „Deutschland-Manier“ von den Cops ans Stadion gekarrt, in der Seitenstraße geparkt und raus aus den Bussen. Mit dem Mob die Straße zum Stadion hochgefeiert (besseres Verb fällt mir da wirklich nicht ein), dann auf einmal kurze Rennerei, weil die Bullen zwei Ketten zwischen Straße und Eingang gebildet hatten. Einer der Torcidas nahm mich am Arm und ging mit mir zu nem jungen Bullen (welch glorreiche Idee!) und steckte dem, wer ich bin und dass ich bitte in Ruhe zu lassen sei. Weniger nett die Geste vom „Freund und Helfer“: Nach sorgfälter Prüfung meines Reisepasses, sagte der auf Englisch zieeemlich unmissverständlich: „Guy I tell you one thing: Don’t make trouble! Brazilian jail is no fun!“. Alles klar, gerafft!

Irgendwann stellte sich raus, dass die Bullen ALLE durchsuchen wollten, bevor irgendeiner ins Stadion gedurft hätte. Na geil! Dementsprechend fiel die Reaktion der Meute aus und es krachte wieder mit den Bullen. Es wollten einfach nur alle ins Stadion, schließlich ging das Spiel auf die Halbzeit zu. Die nächsten Rennereien gingen los und dieses Mal prügelten uns die Cops schön zurück Richtung Busse. Um den Überblick nicht zu verlieren, hielt ich mich so gut es geht an der Seite und immer der größten „Kleingruppe“ hinterher. Wenn ich festgenommen werden würde… nee, lass‘ ma stecken den Gedankengang!

Jedenfalls kam dann irgendeiner auf die noch viel glorreichere Idee, man könnte sich ja mal mit 100 Leuten Richtung Heimkurve aufmachen und das in einem guten Sprint. Ich also rein in den Mob und dann passierte etwas ganz krasses: Anstatt dass es klappt, rennt an uns ein Robocop in einem unmenschlich asozialen Vollsprint vorbei, zieht am Mob vorbei, stellt sich vor dem auf die Straße Richtung Heimkurve und ballert mit seiner Gummipump zwei Mal in die Luft. So schnell habe ich noch niemanden stehen sehen.

Ende vom Lied war dann, dass alle Kleingruppen von den Bullen an die Busse eskortiert und nach Natal zurückgeschickt wurden. Überraschend für mich war definitiv, dass das irgendwann so hingenommen wurde und die Busfeierei auf der Rückfahrt so weiterging. Gefeiert hat bestimmt auch unser Kutscher, der von einem Mitfahrer etwas kolumbianisches Nasenpuder erhalten hat, um sich auf halber Strecke für den Rest der Fahrt frisch zu machen. Naja, wenn er halt müde ist!

In den frühesten Morgenstunden gegen 5:30 Uhr erreichten wir Natal und abgesetzt wurde ich direkt vor meiner Bude, da bin ich bis heute dankbar für! Dennoch machte ich einen kurzen Abstecher zum Strand, weil der Sonnenaufgang einfach viel zu genial war, um ihn auszulassen. Dann ins Bett gefallen um mich 3,5 Stunden später für die Schule rauszuquälen. Aber das war es wert!

Zum Spiel gegen Bragantino gibt es leider nicht viel zu erzählen, außer dem Üblichen an Grillkäse, Trommelrhythmen und so weiter und sofort. Das Spiel war am 4.6., endete 1:1, und war sterbenslangweilig (1x Tor nach Elfmeter und 1x nach Freistoß). Etwas zu sagen, was nicht schon erwähnt worden wäre, gibt es also leider nicht!

Lest demnächst Teil 2 unseres „Brasilien Spezial“ auf dem Unter die Haut Blog!

„Der FCK wird niemals untergeh’n…“

Jeder FCK-Fan kennt es: Das Betze-Lied „Olé Olé“ von Horst Schneider, das vor jedem Heimspiel des 1. FC Kaiserslautern von vielen tausend Zuschauern gesungen wird. Für einen Filmbeitrag der SWR-Landesschau erzählt der Heidelberger Bäckermeister Schneider, wie dank Fritz Walter seine Leidenschaft für den FCK und daraus resultierend die Lautrer Vereinshymne entstanden – und macht eine Ankündigung für den Fall des Aufstiegs.

Ekstase und Schock – Die Fußballhauptstadt Buenos Aires

„Ohne Fußball wären wir alle im Arsch. Wir wüssten nichts mit uns anzufangen.“

Der WDR zeigte vergangene Woche die Fußball-Doku „Ekstase und Schock – Die Fußballhauptstadt Buenos Aires“. Die Millionenmetropole ist nicht nur politisch gesehen die Hauptstadt von Argentinien, sondern auch das stimmungstechnische Epizentrum der Fußball-Begeisterung. Alleine in Buenos Aires gibt es 11 Erstligavereine und insgesamt mehr als 50 Stadien. Die bekanntesten Vereine sind „San Lorenzo“, “River Plate” und Diego Maradonna’s Heimatklub “Boca Juniors“. Die Fußballbegeisterung ist riesig. Die Menschen identifizieren sich in einem deutlich höheren Maß mit ihrer Mannschaft, als Otto-Normal-Bürger  in Deutschland das als gängig erachten würde. Es wird im Stadion gesungen, getanzt, gehüpft … Und die jungen Menschen? Die kicken einfach überall da, wo auch nur zwei Quadratmeter Platz und ein Ball zur Verfügung stehen! Und während in Deutschland noch kaum einer an die WM in Brasilien diesen Sommer denkt, sind sich die Argentinier bereits sicher, dass sie Weltmeister werden!

Die nahezu religiöse Fußballbegeisterung wird oft von einem Gemisch von Gewalt und Korruption überschattet. Im Mittelpunkt stehen die „Barra Bravas“ – fanatisch im Stadion, engagiert in ihren Vierteln und eng verstrickt mit Politik und Vereinsoffiziellen, sind sie noch am ehesten mit Ultras zu vergleichen. Allerdings ist das Selbstverständnis nicht nur hingehend der Rolle zum Verein, sondern auch beim Thema Gewalt ein anderes. Der Gebrauch von Schusswaffen und Messern in und um das Stadion sind nahezu alltäglich geworden. In besonderem Maße bei Derbys. Inzwischen ist das Verbot von Auswärtsfans von der Ausnahme zur Regel mutiert. In der Doku zeigen die Autoren Marc Mauricius Quambusch und Jan-Henrik Gruszecki viele Orte, die kein (Fußball-)Tourist jemals sehen würde. Sie treffen Fans, Fußballer und “Barra Bravas” und verschaffen dem Zuschauer Zugang zu Orten, zu denen bisher keine Kamera Zutritt hatte.  Fußball als Religion – das zeigt diese Doku.

Also klickt euch rein und nehmt euch die 45 Minuten Zeit, um in die bunte und laute Welt Fußball-Argentiniens einzutauchen!

 

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Der Feind in meinem Stadion – Brennen für den Verein

Für was stehen eigentlich Fußballfans? Für nationale Bedrohung oder für Spaß in der Kurve? Dieser Frage ging der Westdeutsche Rundfunk in der Reportage nach und begleitete Ultras und aktive Fans von Union Berlin und Hannover 96. Der Beitrag zeigt das Miteinander der Fans und was aktive Fanarbeit wirklich bedeutet, denn das geht weit über den Stadionbesuch hinaus. Am Beispiel von Hannover 96 wird gezeigt, wie eine Vereinsführung konsequent gegen die eigenen Fans agiert, wieso der Dachverband „Rote Kurve“ aufgelöst wurde und beschreibt den Maßnahmenkatalog, der vor allem die treusten Fans der 96er trifft. Auch die AG Fananwälte, Vertreter der Polizei in Hannover und Köln sowie Andreas Rettig von der DFL kommen zu Wort. Außerdem wird gezeigt, wie Vereine ihre eigenen Fans „vermarkten“ lassen. Eine wirklich gut gemachte Reportage, die beide Seiten der Medaille aufzeigt und auch unangenehme Dinge auf den Tisch bringt. Zwar nicht brandneu, aber sehenswert!

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Fanrechtefonds

fanrechtefondsWie schon im letzten UdH #95 beim Heimspiel gegen die Spielvereinigung Fürth angekündigt, wollen wir euch hier auf dem Blog einige Workshops vorstellen, die wir beim diesjährigen Fankongress in Berlin besucht haben.

Anfangen wollen wir mit dem Workshop „Zur Notwendigkeit rechtlicher Unterstützung von Fußballfans“. Zusammen mit dem Fanrechtefonds, der Arbeitsgemeinschaft der Fananwälte und lokaler Rechtshilfen ging es darum welche Möglichkeiten zur rechtlichen Unterstützung bereits existieren, wie zusätzlich lokal rechtliche Unterstützungen in Form von Fanhilfen aufgezogen werden können und warum dieses so wichtig ist.

„Stell dir vor, du fährst zu einem Auswärtsspiel, der Bus hält an einem Autobahnrasthof und genau dort kommt es zu einem Zwischenfall. Vielleicht, weil jemand aus dem Bus meinte das Bier für umsonst mitnehmen zu können, oder jemand fühlte sich provoziert und es gab ein Handgemenge. Die Polizei wird gerufen und stellt die Personalien aller Mitreisenden fest. Später wirst du erfahren, dass gegen dich, wie gegen alle anderen, ermittelt wird. Das ist rechtens und du musst dir keine Sorgen machen. Du hast ja nichts getan. Du bist unschuldig und du giltst als unschuldig. Das Verfahren wird irgendwann eingestellt werden, vielleicht wegen erwiesener Unschuld, vielleicht wegen mangelnder Beweislage, vielleicht verzichtet der Staat wegen Geringfügigkeit auf weitere Aufklärung. Kein Problem, oder doch? Inzwischen hast du einen netten Brief erhalten, in dem dir erklärt wird, dass du für die nächsten Monate beziehungsweise Jahre keine Fußballspiele mehr besuchen darfst. Auch wenn das Ermittlungsverfahren eingestellt wird, bleibt dieses Stadionverbot bestehen. Dein Name ist jetzt vielleicht in einer Datei, in der die Polizei Angaben zu Gewalttätern sammelt. Du willst ins Ausland fliegen und man weist dich an der Grenze ab, weil gerade ein brisantes Spiel einer deutschen Mannschaft in jenem Land bevorsteht und weil man nicht riskieren will, dass „potenzielle Gewalttäter“ –  wie du – dorthin reisen …“

Für die meisten Normalbürger sind solche Vorfälle unvorstellbar. Für aktive Fangruppen, die sich auch abseits der tollen Weltmeisterschaftsstimmung in Fußball-Deutschland bewegen sind solche und weitere Dinge aber fast jedes Wochenende an der Tagesordnung. Beim Fankongress in Berlin berichtete Wilko Zicht über den Fanrechtefonds, der bereits 2006 gegründet wurde um die Rechte von Fußballfans gegenüber den Veranstaltern, deren Ordnungskräften sowie gegenüber der öffentlichen Gewalt zu wahren, durchzusetzen und zu stärken. „Wir denken, dass Recht und Gesetz nicht nur auf Seiten der Anderen stehen kann. Deshalb wollen wir prüfen lassen, ob der Staat wirklich so mit uns Fußballfans umgehen darf. Rechtsprozesse kosten allerdings viel Geld. Wir wollen nicht den Dieb schützen, der das Bier klaut und nicht den Schläger, der der Meinung Anderer Fausthiebe entgegensetzt. Wir wollen uns nicht vor denjenigen stellen, der mit Leuchtkugeln auf andere Zuschauer zielt. Wir wollen vielmehr, dass friedliche Fußballfans nicht länger kriminalisiert und für die Vergehen Anderer bestraft werden.“

Laut Zicht ist man immer auf der Suche nach Musterfällen, zum Beispiel die Datenweitergabe von Vereinen an die Polizei, Beförderungsausschlüsse der Deutschen Bahn (“Die werden nach unseren Erkenntnissen immer mehr”) oder Stadionverboten aufgrund von Drittortauseinandersetzungen. Für 2014 hoffe er auf ein Urteil des Verfassungsgerichts aus Karlsruhe, das verbietet, Stadionverbote auf Verdacht auszusprechen. Er zählte auch ein paar Erfolge des Fanrechtefonds auf. So sollen zum  Beispiel keine Stadionverbote mehr aufgrund von Beamtenbeleidigung ausgesprochen werden. Er ermutigt die Szenen, bei Problemen und Fragen auf den Fanrechtsfond zuzugehen – gleiches gilt natürlich auch für Einzelpersonen, denen im Zusammenhang mit Fußballspielen etwas wiederfahren ist und die Hilfe benötigen. Zur Zeit stünden ausreichende Mittel zur Verfügung, um solche Musterfälle finanziell zu unterstützen. Das Projekt Fanrechtefonds wird getragen von zahlreichen deutschen Fanclubs und Fangruppen, von den beiden überregionalen Fanorganisationen BAFF und PRO FANS sowie von vielen Einzelpersonen. Ein aus fünf Fans verschiedener Vereine bestehender Kassenrat entscheidet im Einklang mit der Satzung des Treuhandkontos über die Verwendung der Spenden. Zwei Anwälte verwalten das Geld und überwachen die satzungsgemäße Nutzung.

Infos über den Fanrechtefonds, Kontaktmöglichkeiten aber auch die Möglichkeit, das Projekt mit einer Spende zu unterstützen, findet ihr unter www.fanrechtefonds.de.

Pokalviertelfinale in Leverkusen

Nach dem wichtigen Heimsieg gegen Fürth geht es heute voller Zuversicht in das Pokalspiel gegen die Bayer Werkself. Die Älteren werden sich erinnern: Vor knapp 3,5 Jahren gab es diese Partie in der zweiten Runde auf dem Betzenberg. Das zum darauf folgenden Ligaheimspiel gegen den Karlsruher SC erschienene Unter die Haut #21 blickt zurück auf den fulminanten 2:1 Erfolg und den Einzug ins Achtelfinale. Im Weserstadion war 2009 daraufhin leider Schluss. Heute können wir die Geschichte neu schreiben, „über Bayer zum Pokal“ , über den Pokal nach Europa!

 

Blick zurück…

Pokalspiel Leverkusen

Wie gewohnt werfen wir an dieser Stelle einen selbstkritischen Rückblick auf unsere Aktionen in der Kurve. Logischerweise geht es diesmal um die Aktion beim sensationellen Pokalspiel gegen Bayer 04 Leverkusen. Was bleibt uns dazu zu sagen?

Zunächst wollen wir uns bei euch allen bedanken, dass ihr dem Ablauf der „Choreografie“, die im letzten „Unter die Haut“ erklärt war, so diszipliniert gefolgt seid und die über 40.000 rot-weißen Konfettischnipsel genau im richtigen Moment, nämlich beim Einlaufen der Mannschaften, zum Einsatz kamen. Nur so konnte ein gelungenes Gesamtbild entstehen, mit dem wir sehr zufrieden sind!
Dies stimmt optimistisch für weitere Aktionen, die mit eurer Hilfe sicher auch wieder Erfolg versprechen! Merci!

Unserer Aktion folgte ein Pokalspiel, welches wohl seinesgleichen sucht und Erinnerungen an das Spiel gegen den FC Schalke im Jahr 2004 aufkommen lässt. Damals verlor man trotz aufopfernd kämpfender Mannschaft im Elfmeterschießen mit 7:8, trotzdem war es damals ein unvergesslicher Mittwochabend. Diesmal sollte spielerisch glücklicherweise alles anders kommen, denn von der ersten Spielminute an stand das ganze Stadion wie eine Eins hinter der Mannschaft! Diese dankte es und machte aus der ersten Chance in der 12. Spielminute direkt das 1:0. Was ist denn hier los? Wir spielen gegen eine der spielstärksten Mannschaften der 1. Bundesliga, gegen den Finalisten des Pokalfinals im Vorjahr und führen nach nicht mal einer Viertelstunde mit 1:0? Geil!
Das Stadion explodierte förmlich und kaum wer konnte fassen, was dort auf dem Platz gerade vor sich geht. Unsere rot-weißen Mannen ließen sich auch nach der Führung nicht hängen, erarbeiteten sich weiter Spielanteile und Chancen und verabschiedeten sich nach 45 Spielminuten unter tosendem Applaus in die Kabine.

Obwohl unsere Mannschaft zur zweiten Hälfte auf das Tor vor der Westkurve spielte, startete sie sichtlich schwächer in die zweite Hälfte als die des Werksclubs. Schließlich markierte Erik Jendrisek in einer Phase, in der Leverkusen drauf und dran war, die Oberhand im Spiel zu gewinnen, das 2:0 und ein Torjubel, den man so wirklich nur ganz selten erlebt, folgte. Das ganze Stadion flippte nun völlig aus. Brachiale Wechselgesänge mit der Südtribüne sowie bebende Hüpfeinlagen waren die Folge. Sogar die Laola schwappte mehrmals durchs Fritz-Walter-Stadion. Ein Pokalabend, wie man ihn sich wünscht!

Doch was wäre der Betzenberg, wenn es gegen Ende nicht noch einmal spannend werden würde? Bayer kam nochmal ran und erzielte in der 85. Spielminute den Anschlusstreffer zum 2:1. Jetzt hieß es Zittern, Bangen und natürlich Hoffen, bis der Schiedsrichter die Partie nach 92 gespielten Minuten abpfiff und der glorreiche 1.FC Kaiserslautern nach einem grandiosen Spiel erfolgreich ins Achtelfinale des DFB-Pokals einzieht!

Unser Traum von Europa und natürlich vom Finale darf also weitergehen! Einen erläuternden Text zu unserer Aktion findet ihr übrigens auf unserer Homepage www.frenetic-youth.de.

Während der Großteil der FCK-Fans schließlich recht schnell nach Abpfiff feiernd vom Betzenberg zog, verweilte unsere Gruppe noch bis eine dreiviertel Stunde nach Spielende im Stadion. Grund dafür war, dass Schnipsel in der Westkurve aufgrund der Reinigungskosten nicht erlaubt sind und wir somit die Verantwortung für deren Säuberung im unteren Bereich von 7.1 selbst übernehmen mussten. Erst nachdem das Licht im Stadion abgeschaltet wurde und die Spieler schon mit dem Auslaufen fertig waren, wurde man vom Ordnungsdienst aufgefordert, die noch nicht komplett saubere Tribüne zu verlassen. Dies sollte nur mal als Randnotiz Erwähnung finden, damit sich manche Leute vielleicht mal über den Aufwand, den so eine verhältnismäßig kleine Aktion mit sich bringt, bewusst werden.

Zum Ende wollen wir noch ein paar Worte in eigener Sache loswerden, die den Pokalabend zwar nicht getrübt haben, aber trotzdem Erwähnung finden sollten. Während der ersten Hälfte und der Halbzeit kam es oberhalb des zweiten Wellenbrechers in 7.1 zu teilweise heftigen Diskussionen wegen dauerhaftem Fahneneinsatz in „unserem“ Bereich. Sicher gehört dies zum optischen Anspruch unserer Gruppe und zum Block 7.1 und niemand möchte wohl gerne das beeindruckende Bild eines Fahnenmeeres mitten in der Kurve missen. Dennoch müssen wir uns eingestehen, hier Fehler zu begangen zu haben und wollen die Gelegenheit nutzen, uns bei den entsprechenden Leuten zu entschuldigen. In Zukunft werden wir vermehrt darauf achten, wann unsere Schwenkfahnen zum Einsatz kommen und wann man besser darauf verzichtet.
Hier ist ein besseres Feingefühl jedes Einzelnen gefragt! Bei Strafraumszenen, Angriffen, groben Fouls oder sonstigen Aufregern kommen die Fahnen runter, denn was auf dem Platz passiert, steht vor allem in solchen Momenten definitiv im Vordergrund. Bitte in Zukunft verstärkt darauf achten und ein Bewusstsein für eine harmonische Fanszene schaffen. Frei nach dem Motto „Leben und leben lassen“.

Danke!

Hier geht’s zum kompletten UdH#21 aus dem September 2009

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